Meer der Unwissenheit

Eines Abends träumte ich einen „Fernsehtraum“ . . . ich muß vorrausschicken, ich bin ein berüchtigter Fernsehschläfer, nicht immer, aber doch relativ oft. 20:15 Fernsehcouch, nach spätestens einer Viertelstunde Liegestellung und nach maximal einer Stunde in seligem Schlummer . . .

Das Interessante an solchen Träumen ist ja, daß man meist nicht wirklich tief schläft – vielmehr handelt es sich um eine Art Halbschlaf, man nimmt die Geräusche und Dialoge wahr und träumt dann womöglich eine ganz eigene Version jenes Films, den man auf einer höheren Ebene gerade versäumt . . .

An jenem Abend sah ich mit meiner damaligen Freundin einen Tatort. Eine Szene war mit einer Arie unterlegt – keine Ahnung, was im wirklichen Film gerade geschah, aber ich sah bzw. träumte eine Opernszene wie auf 3SAT: Eine Sängerin steht auf der Bühne und singt eine italienische Arie und ich lese die Untertitel: Ich stehe vor einem Meer der Unwissenheit.

Dieser Satz faszinierte mich so sehr, daß ich sofort hellwach war. Ich fragte meine Freundin, ob sie auch Untertitel gesehen hätte (nein, hatte sie nicht) und wie die Nummer (Musikerjargon) denn hieße: O mio Babbino caro, so die Antwort der Opernkennerin. Großartige Nummer übrigens, siehe YouTube!

Am nächsten Morgen hab ich dann gleich gegoogelt, ob ich eventuell quasi im Schlaf die Übersetzung geträumt hätte (ich lernte damals Italienisch), was ja geradezu sensationell gewesen wäre, nicht zuletzt auch angesichts meiner persönlichen „Fortschritte“ in diesem Kurs – aber nein, hatte ich nicht, es geht in dem Stück um eine Tochter, die einen Mann liebt und – so teilt sie ihrem teuren Vater singenderweise mit – falls das nicht klappt, sich von der Brücke stürzen wird . . .

Ich fürchte, da hat mir wohl mein Unterbewußtsein einen Streich gespielt. Dennoch, ich sehe dieses Meer der Unwissenheit als eine wunderbare Metapher für die heutige Zeit, welche wohl auf die meisten Menschen zutrifft – auf mich mit meiner profunden Halbbildung sowieso. Ich bin jedoch ziemlich sicher, daß wohl die meisten Menschen heutzutage vor diesem Meer stehen.

Schon in früheren Jahrhunderten war es den meisten Menschen kaum möglich, allumfassendes Wissen zu erwerben. Damals war das Meer der Unwissenheit noch eher ein Teich, in dem einige wenige schwimmen konnten, doch für die meisten wahrscheinlich schon damals kaum bezwingbar, sofern sie dessen Existenz überhaupt ahnten.

Seit Beginn der Neuzeit und natürlich umso mehr im Zeitalter des Internet hat sich jedoch das Wissen oder vielmehr die vorhandene Datenmenge vervielfacht! Auf YouTube alleine gibt es heutzutage schon derart viel Material, daß ein Menschenleben nicht ausreicht, alle vorhandenen Videos anzusehen – wobei das meiste davon – und das gilt ebenso fürs Internet in seiner Gesamtheit – ohnehin Schrott ist.

Vergleichen wir nur die politische Weltkarte von vor 50 Jahren mit der Welt von heute, oder den damaligen Wissenstand in den Naturwissenschaften mit dem heutigen, die überschaubare Anzahl der damals empfangbaren TV- oder Radiosender mit dem Angebot heutzutage . . .

Ich selbst habe seit kurzem Internetradio und entdecke dort eine unüberschaubare Menge an Musik, die hierzulande völlig unbekannt ist. Bei den meisten Stücken wird das auch so bleiben, weil nur ein Bruchteil dieser Musik, egal ob Amerika, Afrika oder Asien, ja selbst aus europäischen Ländern wie Italien, tatsächlich bis zu uns, also ins „normale“ Radio gelangt.

Die Außenwelt ignorieren konnte man früher auch schon – heute ist das mit Internet viel einfacher!  Manche Menschen bewegen sich nur noch in sogenannten „Blasen“, lassen sich – oft gewollt, viel zu oft aber auch ungewollt und ohne sich dessen bewußt zu sein – von Algorythmen leiten und vorgeben, welche Seiten im Internet sie besuchen, sich womöglich in ihren politischen Andichten beeinflussen, leben in einer Welt voller krimineller Flüchtlinge – oder auch süßer Kätzchen.

Es ist ja beim Zustand dieser Welt auch nicht völlig unverständlich, wenn Menschen all das Leid, all das Elend ausblenden und nur mehr Good News konsumieren. Oder das Gegenteil . . . ob Tunnelblick oder rosarote Brille, alles ist möglich. Sogar beides zugleich!

Das waren nur einige wenige Beispiele für den Zustand der heutigen Gesellschaft. Und das Internet ist in jeder Beziehung ein perfektes Abbild unserer Welt und seiner Bewohner!

Der einzig mögliche Schluß muß wohl sein, daß  dem Einzelnen heutzutage schon aufgrund seiner Unüberschaubarkeit wirklich allumfassendes Wissen absolut nicht mehr möglich ist. Man kann sich nur noch spezialisieren – sowohl in der schulischen Ausbildung als auch von den eigenen Interessen her – für alles andere gibt es Google.

Ist das gut oder schlecht, traurig, vielleicht sogar gefährlich – oder ein Fortschritt für die Menschheit?

Die Antwort ist wohl, daß es wie so oft auf den Einzelnen ankommt, wie er mit all dem umgeht.

Ich wünschte, ich könnte über jeden Traum soviel schreiben, aber leider landen die meisten Träume bekanntlich im Land des Vergessens. Das liegt übrigens auch am Meer der Unwissenheit, aber auf der anderen Seite . . .

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