Theoretisch

Vorbemerkung:

Mai 2018. Wir befinden uns in einer Schreibwerkstatt. Ich bin außer dem Vortragenden der einzige Mann unter 8 Frauen.

Die Aufgabenstellung: Den Anfangssatz eines Romans zu einem kurzen Text weiterentwickeln. Wir erhalten eine Liste mit 10 solchen Sätzen.

Ich wähle den Satz „Ich kenne diese Frau“, dieser spricht mich aus irgendeinem Grund am meisten an. Ich schreibe also diesen Satz – und plötzlich entwickelt sich eine Idee, ein Text, den ich auf Papier übertrage – und gleichzeitig kommen Zweifel, ob ich schreiben kann, wie und was ich da schreibe.

Diese und andere Gedanken, meist in einer Art “Zwiegespräch” (Engelchen und Teufelchen), werden in kleinerer bzw. Kursivschrift dargestellt. Man kann also einerseits zuerst den urpsrünglichen Text lesen, indem man diese Passagen einfach ausläßt, oder gleich den gesamten Text – inklusive der begleitenden Gedanken, Zweifel etc.

Ein Versuch, die Entstehung eines Texte zu erklären, eine Geschichte in der Geschichte, ein Text im Text.

Dieser erhält am Ende den Titel:

Theoretisch!

Ich kenne diese Frau! Mit der wollte ich schon einmal. Es gibt viele Frauen, mit denen ich schon einmal wollte. Unzählige! Es müssen inzwischen tausende sein. Und mit jedem Tag kommen neue dazu.  Also, theoretisch . . .

Ist das ok, kann ich das so schreiben?

Naja, eventuell ist es etwas . . . ungewöhnlich, aber hey, was solls? Weiter!

Und warum schreibe ich nicht das F-Wort oder wenigstens das V-Wort?

Weil das hier Literatur werden könnte! Da schreibt man eben manchmal Sachen NICHT und überläßt das Weitere dem Leser.

Es gibt ja unterschiedliche Leser, die einen würden eher zum F-Wort tendieren, die anderen eher zum V-Wort und wieder andere würden vielleicht das Wort SCHLAFEN ergänzen.

Das sind die ganz Feinen.

Oder einfach die Netten?!

Höchstens die Faden. Aber egal, weiter!

Und da kommt es natürlich vor, daß ich Frauen treffe, mit denen ich schon einmal wollte. Also, die theoretisch Verflossenen, sozusagen.

Moment! Wird das jetzt ein Text ÜBER MICH? So etwas würde ich doch niemals zugeben!

Naja, wenn man den Statistiken glauben darf, so denkt jeder Mann durchschnittlich 19 mal am Tag an Sex (Frauen übrigens 15 mal), egal ob in einer Beziehung oder nicht und die Gedanken drehen sich dabei bei weitem nicht immer um den eigenen Partner!

Also schreibe ich bis jetzt jedenfalls doch bloß über Männer im allgemeinen? Also ist es ok, SO zu schreiben! Oder???

Ja eh, weiter!

Aber was, wenn ich diesen Text vorlesen muß? Das soll nämlich gelegentlich in  Schreibwerkstätten vorkommen?!

Na dann liest du ihn halt vor! Oder aber du sagst irgendwas  wie „ . . . finde den Text nicht so gut, möchte lieber nicht . . . „  –  wird sicher kein Problem sein, du . . . Held!

Von den wenigsten kenne ich die Namen, denn angesprochen habe ich sie nie. Ich wollte ja nur. Das Wollen, das liegt in meiner Natur. Wenn die alle wüßten, was ich gewollt hätte. Von ihnen. Also, theoretisch . .

Dieses wiederkehrende “theoretisch” ist cool, gute Idee!

Ich bin da auf keinen bestimmten Typ festgelegt. Ob rothaarig, blond, brünett, schwarz, grau oder rot …

Rot war doppelt, da müssen wir leider einen Punkt abziehen!

… ob jünger oder älter, dick, schlank; groß oder klein; ob stämmig oder zierlich; herb oder sinnlich – egal. Ich bin da nicht so wählerisch. Also, theoretisch . . .

Ich steh´ vor allem auf ein hübsches Lächeln, nur leider lächeln sie jetzt eher nicht so häufig in der U-Bahn. Und auf schöne Augen, die fallen einem dort wenigstens auf – wenn sie nicht gerade auf ihr Handy starren.

Ach komm, du stehst auf PEEP und auf PEEP PEEP, wie alle Männer!

Ja eh, aber trotzdem ist mir ein süßes Lächeln wichtig oder wenn eine schöne Augen hat. Und von wegen Held, du traust dich ja nicht einmal in unserem Zwiegespräch das T-Wort und das A-Wort verwenden!

Stimmt, weil das ja unbedarftere Leser lesen könnten. Und außerdem hätte ich, wenn schon, das B-Wort und das P-Wort verwendet. Ich bin nämlich einer von den Guten.

Da schau her, jetzt machst du einen auf Softie, das hat vorher noch ganz anders geklungen. Ich wette, das machst du nur für unsere weiblichen Leser, du Heuchler!

Heiraten hätte ich keine von ihnen wollen, nur eben . . . oder bestenfalls vielleicht eine kurze Beziehung. Ich möchte mich ja nicht längerfristig binden.
Also, theoretisch . . .

(Textende)

Rückblickend erscheint mir der ursprüngliche Text etwas mager, ein bisschen gar kurz. Eingeschlagen hat er trotzdem damals, als ich mich überwunden und ihn vorgelesen habe. Ich sehe noch die ungläubigen Blicke der anwesenden Damen . . .

Ich hätte ihn natürlich, wie andere, in Schreibwerkstätten entstandene und hier in meinem Blog veröffentlichte Texte noch nachbearbeiten können, aus dem ungeschliffenen Rohdiamanten jenes edle Schmuckstück machen, das dieser Text eigentlich zu sein verdient.

Pfuh, das ist jetzt schon etwas . . . ÜBERTRIEBEN!

Na gut, ich hätte halt ein wenig nachgebessert – kannst du damit besser leben?

Stop jetzt, wir sind schon im Kommentarteil und müssen den Kommentar nicht auch noch kommentieren!!!

Du hast angefangen!

Die zwei . . .  mit diesem Text wollte ich jedenfalls vor allem meine Gedankengänge, meine Bedenken und Selbstzweifel während des Schreibens ein wenig nachvollziehbarer machen und offenbaren. In diesem Sinne handelt es sich um einen meiner persönlichsten Texte!

Die Wertschätzung für dieses (Mach)Werk war übrigens in der wie schon erwähnt weiblich dominierten Schreibwerkstatt durchaus endenwollend. Aber das hatte ich schon vorher vermutet – oder befürchtet.

Dennoch, ich bin heute noch stolz darauf, diesen Text trotz aller Bedenken genau SO zu Papier gebracht UND auch noch vorgetragen zu haben!

Nachsatz:

Das Schönste im Leben ist die Freiheit“, wußte seinerzeit schon (ausgerechnet) Roy Black.

In diesem Sinne auf gut Wienerisch an alle Schreibenden:

Scheißt euch nicht an, schreibt euren Text einfach genau so, wie er in euch in den Kopf steigt. Und wenn er am Ende euren Qualitätsansprüchen nicht genügt, könnt ihr immer noch versuchen, ihn zu verbessern oder aber ihn löschen oder durchstreichen oder aber das ganze Blatt Papier (immer schön korrekt!) dem Altpapiercontainer überantworten.

Aber nur aus diesem einen Grund, keinem anderen!

Ein Kommentar zu „Theoretisch

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