Es ist Rot!

Wir leben in einer hektischen, schnelllebigen Zeit. Unterwegs in den Straßen der Stadt haben wir es meist eilig, weil gerade auf dem Weg in die Arbeit, von der Arbeit, zum Einkaufen, zu einem geschäftlichen Termin, zu einer Verabredung etc.

Der Gründe gibt es unzählige und kaum jemand nimmt sich noch die Zeit, bei zufälligen Begegnungen mit Fremden, ja selbst mit Bekannten, mit dem anderen zu reden. Also, so richtig miteinander zu sprechen.

Wir lassen also heute zwei Fremde bei einer zufälligen Begegnung aufeinandertreffen. Sagen wir, einen Fußgänger und einen Radfahrer, im Zuge eines kleinen Verkehrsdeliktes, von Letzterem begangen.

Üblicherweise, weil wir eben alle ständig so in Eile sind, würde sich ein daraus folgender Dialog etwa so abspielen:

„Deppata!“ (Ich schreibe in und aus Wien)
„Leck mich!“
Ende.

Weil unsere Geschichte aber nun doch etwas länger geraten soll, geben wir den beiden Protagonisten Zeit für ein richtiges Gespräch, das dann vielleicht so verlaufen könnte:

Ein Radfahrer steht spätabends an einer Kreuzung, die Ampel auf Rot. Weit und breit kein Auto in Sicht. Der Radfahrer fährt los. Auf der anderen Seite wartet ein Fußgänger auf Grün.

„Es ist Rot!“
„Ja“, sagt der Radfahrer
„Das ist verboten!“
„Was, Rot?“
„Bei Rot die Straße zu überqueren“, sagt der Fußgänger
„Naja, glücklicherweise bin ich schon drüben. Ich fahre auch nicht mehr zurück, versprochen.“
„Sie halten sich wohl für besonders lustig“, meint der Fußgänger.
„Naja, geht so. Aber mit Humor kommt man jedenfalls ein bißchen leichter durchs Leben.“

„Aber Sie haben eine Verkehrsübertretung begangen!“ erregt sich der Fußgänger.
„Zugegeben“, meint der Radfahrer.
Wir wollen ihn, was mir leider etwas spät einfällt, ab sofort einfach R nennen. Und den Fußgänger F.

„Zugegeben“, meint also R, „dafür habe ich keine Zeit mit sinnloser Warterei verschwendet – was aber leider durch diese Diskussion hier anscheinend mehr als wettgemacht wird . . .“
„Aber“, sagt F, „das geht doch nicht, einfach bei Rot über die Kreuzung zu fahren. Wenn das jeder macht, hätten wir das reine Chaos.“
„Das“, stimmt R zu, „ist ein guter Einwand, aber hier haben wir doch eine Situation, wie wenn im Wald ein Baum umfällt.“
„Wie bitte?“
„Ein Sack Reis in China?“ schlägt R vor.
F, nun vollständig irritiert: „Was?“
„Umfällt!“, ergänzt R, nun seinerseits schon leicht verzweifelt, „wenn ein Baum im Wald umfällt oder ein Sack Reis in China.“
„???“
„Es ist wurscht! Es spielt keine Rolle, keiner hat’s gehört, keiner hat’s gesehen, es ist nichts passiert, es ist niemand zu Schaden gekommen, es ist egal. E G A L !!!“

„Aber es ist passiert und ich habs gesehen!“, schreit F „und ich finde es nicht in Ordnung, wenn sich die Leute nicht an Regeln halten!“
„Ein Sack Reis . . .“ murmelt R.
„Wie bitte?“
„Es hat doch keinen Sinn“, versucht R einen neuen Ansatz, „ sich an eine Regel zu halten, die in einer bestimmten Situation nur Zeit kostet, aber sonst nichts bringt.“
„Aber es ist eine Regel“ besteht F auf seinem Standpunkt, „und die kann man nicht einfach brechen!“
„Nun, ich konnte eben und die Welt ist nicht untergegangen.“
„Aber es ist verboten!“, schreit F.
„Das habe ich ja nie bestritten“, meint R mit einer Mischung aus Resignation und Gereiztheit.

„Sie geben es also zu?“
„Ich gestehe“, sagt R „was haben Sie eigentlich heute noch vor?“
„Ich“, sagt F, „bin auf dem Weg nach Hause, meine Frau wartet mit dem Essen auf mich und ich bin schon spät dran.“

„Und da stehen wir hier und diskutieren, während
1. Sie gerade zu spät kommen
2. das Essen kalt wird
3. Ihre Frau sich womöglich ärgert, was die Sache mit jeder Minute schlimmer macht?!“

„Das“, widerspricht F, „ist
1. nicht Ihr Essen
2. nicht Ihre Frau
3. schon einmal gar nicht Ihr Problem!“

„Warum erzählen Sie es mir dann?“ fragt R.
„Nun, Sie haben mich ja gerade gefragt – in der vergeblichen Hoffnung, von Ihrem schweren Vergehen abzulenken.“
„Sie tun ja gerade so, als hätte ich einen Mord begangen – ein Gedanke übrigens, mit dem ich mich im Augenblick anfreunden könnte . . .“

„Soll das eine Drohung sein?“
„Nein! Ein kleines Scherzerl am Rande, ebenso klein wie das Vergehen, dessen ich mich zweifellos schuldig gemacht habe.
„Damit scherzt man nicht!“
„Sie haben recht, entschuldigen Sie. Hören Sie, warum beenden wir das hier nicht einfach, jeder von uns geht seiner Wege und denkt sich sein Teil, zum Beispiel:

’So ein Trottel!’

Sie kommen zu Ihrem Essen, ich endlich weiter und die Sache hat sich!“

„Weil“, beharrt F, „ich recht habe und Sie nicht!“
„Aber aus meiner Sicht habe ich doch genauso Recht, obwohl ich eine Regel gebrochen habe?!“
„Sie können unmöglich Recht haben, wenn Sie gleichzeitig eine Regel brechen!“
„Aber Sie selbst brechen doch auch quasi gerade eine Regel, indem Sie zu spät nach Hause kommen, Ihre Frau verärgern und das Essen kalt wird – und das alles, um mit mir über die Sinnhaftigkeit einer Regel zu diskutieren. Sind Sie sicher, daß Sie kein Trottel sind?“

„Werden Sie nicht frech! Bei mir handelt es sich um keine Regel, sondern um eine Verabredung und die Sinnhaftigkeit der von Ihnen gebrochenen Regel steht außer Frage!“
„Ich für meinen Teil bin mir mittlerweile ziemlich sicher„ murmelt R.
„Was?!“
„Daß Sie . . . Recht haben aus Ihrer Sicht! Und ich aus der meinen. Ich fürchte, das wird nix mehr. Und ich möchte meinen müden Körper und meinen geschundenen Geist nun endlich nach Hause verfrachten. – Einen angenehmen Abend noch und schöne Grüße unbekannterweise an die werte Gattin!“

So ein Trottel!’  denken beide unisono.

Die beiden Trotteln gehen bzw. fahren ihrer Wege, wobei F, weil eh schon spät dran, sich vergewissernd, daß weiterhin weit und breit kein Verkehr zu sehen ist, die inzwischen wieder auf Rot geschaltete Ampel ignorierend die Straße überquert.

Gegenüber wartet ein Radfahrer. „Es ist Rot!“

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